Tattoo Me
Die Geschichte eines Rolling-Stones-Fans: Teil 1
Jener Abend im August 1981 versprach ein ganz normaler Abend zu werden. Der vierzehnjährige Schüler widmete sich voller Fleiß seinen Hausaufgaben. Auf dem Schreibtisch das kombinierte Radio- / Kassettengerät. Eingeschaltet war wie üblich die Jugendsendung „Der Club“ auf NDR 2 – was auch sonst, schließlich gab es noch keine Privatsender.
Die Konzentration auf den Schulstoff wurde jäh gestört. Welche faszinierenden Laute drangen da an die Ohren des Schülers? Reflexartig flog die Hand zur „Aufnahme“-Taste des Kassettenrekorders. Gebannt folgte der – bis dahin – fleißige Schüler jetzt der laufenden Rundfunkübertragung, die sein Leben verändern sollte.
Mit dieser Episode begann meine Leidenschaft für die Rolling Stones. In besagter Radiosendung wurde die neue Rolling Stones-LP “Tattoo You” ausführlich vorgestellt. Ich hatte bis dahin noch nie etwas über die Rolling Stones gehört. Den Schilderungen des NDR-Redakteurs habe ich entnommen, dass die Band schon ein paar weitere Platten herausgebracht hat. Ich war aber nicht auf die Idee gekommen, dass die Gruppe älter ist als ich selber!
Die erste Kassette
Einige Tage war ich mit dem Radiomitschnitt zufrieden, doch dann musste ich doch einen beträchtlichen Teil meines Taschengelds investieren. Für 17,99 DM erwarb ich “Tattoo You” als Musikkassette. Musik hatte von jetzt an einen größeren Stellenwert in meinem Leben.
Die erste Langspielplatte
Fast zwangsläufig erhielt wenig später ein gebrauchter Plattenspieler Einzug in mein Jugendzimmer. Bei Karstadt war “Emotional Rescue” im Sonderangebot – und die erste Rolling Stones-LP in meiner Sammlung! Kurz darauf fand ich auf dem Wühltisch vom Bertelsmann-Buchklub unter dem Namen „Rolling Stones-Story“ eine Zusammenstellung von 3 Alben: „Rolling Stones No. 1“, „Around & Around“ und „Let It Bleed“. Damit lernte ich auch die frühen Werke der Stones kennen und lieben. Ich wollte mehr über die Stones erfahren und kaufte mir das Taschenbuch „Die Rolling Stones“ von Hans-Ulrich Prost und Gerd Röckl.
Auf Tour in Deutschland
Mein Traum: beim Stones-Konzert 1982 in Hannover dabei zu sein. Leider war meine Taschengeld immer noch knapp. Die Kosten für Busfahrt und Eintrittskarte von Schleswig-Holstein nach Hannover hätten meine Möglichkeiten überstiegen.
Als Trostpflaster wollte ich mich nicht nur mit der Live-LP „Still Life“ begnügen. Gut, dass auch im Kleinstadtkino der Konzertfilm „Rocks Off“ (heute bekannt als „Let’s Spend The Night Together“) gezeigt wurde. Ich konnte sogar einen Freund dazu bewegen, mit mir die Nachmittagsvorstellung zu besuchen (Danke, Ingo). So waren wir immerhin zu zweit im Zuschauerraum.
Neuerscheinung
Meistens ließ ich mich von Sonderangeboten leiten, wenn es um die Vergrößerung meiner Stones-Plattensammlung ging. Ich erwarb z. B. die Hits-Sammlung „Rolled Gold“ und eine Zusammenfassung der Live-Alben „Get Yer Ya Yas Out“ und „Got Live If You Want It“.
Nach unendlich langer Zeit, 1983 endlich eine Neuerscheinung: Im Radio wurde die neue Single „Undercover Of The Night“ vorgestellt. Am Erscheinungstag der neuen LP war ich gleich nach der Schule im Plattenladen. Ich kann mich noch genau an die abfällige Bemerkung über „Undercover“ erinnern, die ein Verkäufer seinem Kollegen gegenüber äußerte: „Neue Stones Platte – na ja, die ist nicht so doll“. Egal, ich fand sie super.
Meinen Wissensstand erweiterte ich mit dem Buch „The Rolling Stones – Die Geschichte einer Rocklegende“ von Philip Norman.
Rückschlag
Die Medienberichte über die Rolling Stones in den folgenden Jahren waren selten optimistisch oder erfreulich. Was da aber im März 1986 auf meinem Plattenspieler landete, stellte meine Begeisterung für diese Musiker auf eine harte Probe. Selbstlos habe ich mir die neue Platte „Dirty Work“ einige Tage lang angehört. Mir hat sie von Anfang an nicht gefallen und daran hat sich bis heute nichts geändert – das schlechteste Stones-Album aller Zeiten.
Danach war es sehr ruhig in der Rolling Stones-Welt. Da nichts Neues auf den Markt kam, konnte ich meine immer noch begrenzten finanziellen Ressourcen für die Anschaffung einiger Meisterwerke der Vergangenheit aufwenden: ”Love You Live”, “Some Girls”, “Excile on Main Street”, “Sticky Fingers”, “Black and Blue”, “Rolling Stones No. 2” und “Beggars Banquet”. Meine “Tattoo You” – Kassette war inzwischen ausgeleiert und quietschte beim abspielen, so dass ich meine Lieblingsplatte jetzt auch in Vinylform kaufte.
Urban Jungle
1989 war die Dursttrecke überwunden. Mit “Steel Wheels” hatten die Stones wieder etwas veröffentlicht, was mir gefiel. Die anschließende Urban Jungle Tour sollte auch in Deutschland Station machen. Natürlich wollte ich unbedingt zum Konzert nach Hannover. Als Student hätte ich mir die Eintrittskarte auch leisten können. Trotzdem wurde es wieder nichts mit dem Konzertbesuch. Der Konzerttermin fiel genau mit einem wichtigen Klausurtermin zusammen. Mein Studium war mir damals wichtiger als die Rolling Stones. Rückblickend wundere ich mich schon über meine damalige Entscheidung …
- Teil 2: Voodoo Years